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Lexikon der Therapie- und Diagnoseformen

Aderlass

Autorin: Daniela Dumann, Nithackstraße 24, 10585 Berlin
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Aderlass nach Hildegard von Bingen

Aderlass nach Hildegard von Bingen

In ihren Lebensregeln schreibt die Benediktinerin Hildegard von Bingen (1098-1179) unter anderem, dass der Mensch seinen Körper von Zeit zu Zeit von allen krankmachenden Säften reinigen soll. Möglichkeiten der Reinigung sind das Fasten und der Aderlass. In ihrem Buch »Causae et Curae« (»Über die Ursachen und die Behandlung der Erkrankungen«) hat und Hildegard von Bingen eine Fülle von Informationen zu diesem wichtigen Reinigungsverfahren hinterlassen. So schreibt sie: »Sind bei einem Menschen die Gefäße mit Blut gefüllt, so müssen sie von dem schädlichen Schleim und dem durch die Verdauung gelieferten Saft durch einen Einschnitt gereinigt werden.«

Die Hildegard Heilkunde ist eine Form der Säftelehre. Die »falschen« Säfte, diejenigen die die Körperfunktionen stören, entstehen durch falsche Ernährung, durch Überernährung, durch Umwelteinflüsse und durch verschiedene negative Gemütszustände wie Ärger, Zorn, Kummer oder Neid. Sie schreibt weiter: »Wer aber viel Blut hat und völlig gefüllte Gefäße und sein Blut nicht durch Aderlass oder Schröpfen reinigt, dessen Blut wird wachsig und unkräftig werden, und so verfällt der Mensch...« Demnach ist eine Reinigung des Körpers durch den Aderlass von Zeit zu Zeit erforderlich.

In späteren Zeiten geriet der Aderlass sehr in Verruf. Man versuchte alle Formen von Erkrankungen durch eine Blutentziehung zu heilen. Und dazu noch im Übermaß. So sprach sich Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, massiv gegen den Aderlass aus. Zu seiner Zeit war es oft üblich die Patienten solange und so oft zur Ader zu lassen, bis sie verstarben. Mit dieser maßlosen Entziehung von Blut und Lebenskraft hat der Aderlass nach Hildegard von Bingen nichts zu tun. Auch nichts mit dem Volumenaderlass, den die Schulmedizin noch bei Bluthochdruck oder z.B. bei Polyzythämie kennt. Und auch nichts mit dem Blutspenden.

Für den Aderlass nach Hildegard von Bingen sind einige wichtige Punkte zu beachten. Zunächst einmal der Zeitpunkt.

Wann soll man zur Ader lassen?

Für den Zeitpunkt des Aderlasses ist der Mondstand entscheidend: »Er soll aber bei abnehmendem Mond zur Ader lassen, also am ersten Tage, wenn der Mond anfängt abzunehmen, oder am zweiten , dritten, vierten, fünften oder sechsten Tage, und dann nicht mehr, weil ein früherer oder späterer Aderlass nicht soviel Nutzen bringen wird.«

Alle Flüssigkeit auf der Erde und somit auch im Menschen hat eine Beziehung zum Stand des Mondes. Der Mond beeinflusst den Wasserzyklus auf der Erde, verursacht Ebbe und Flut. Die Erdoberfläche wie auch der menschliche Körper bestehen zu zwei Drittel aus Wasser. Beim abnehmenden Mond so weiß man inzwischen, lässt es sich leichter fasten und auch die Reinigungsvorgänge durch den Aderlass sind wirkungsvoller. Der Aderlass nach Hildegard von Bingen darf nur am Vollmondtag und an den darauffolgenden 6 Tagen durchgeführt werden. Nur dann ist gewährleistet, dass auch nur die »schlechten Säfte« den Körper verlassen: »Nicht Aderlassen soll man bei zunehmendem Mond, weil solcher Aderlass schädlich ist, da jetzt die mit dem Blut vermischte faulige Flüssigkeit sich nicht leicht von ihm scheiden kann.« So ist der Aderlass auch nur an diesen wenigen Tagen im Monat sinnvoll für den Körper.

Was passiert beim Aderlass?

»Wird bei einem Menschen ein Gefäß angeschnitten, so erleidet das Blut, wie durch einen plötzlichen Schrecken, eine Erschütterung, und was dann zuerst zu Tage kommt, ist Blut, und fauliges und zersetztes Blut fließen gleichzeitig mit ab.« Der Körper erleidet durch den Einstich und dadurch, dass das Blut frei aus dem Körper fließt, einen kleinen Schock und sorgt durch bisher unbekannte Zusammenhänge dafür, dass zuerst alle Schlacken und Giftstoffe den Körper verlassen. Das Blut, das sofort nach dem Einschnitt bzw. dem Einstich der Kanüle (die alte Version, die Vene anzuschneiden wird heute nicht mehr praktiziert) hervortritt ist ganz dunkel, fast schwarz. Das Blut muß im Gegensatz zur Blutabnahme oder auch zum Blutspenden frei aus der Vene fließen. Auch beim Volumenaderlass in der Schulmedizin wird das Blut über eine Vakuumflasche entnommen, wodurch das Blut auch herausgezogen wird. Durch diesen Zug kommt der beschriebene heilende Effekt nicht zustande.

Der Schock des Einstiches öffnet zudem die körpereigene Apotheke. Es gibt einen Reiz auf Hypothalamus und Hypophyse, die mit der Steuerung von lebenswichtigen vegetativen Funktionen wie Wärmehaushalt, Herzfrequenz, Wasser-, Salz- und Energiehaushalt, Atmung, Blutdruck befasst sind. Durch die Reinigung von den angesammelten Schlacken kommen der Hormonhaushalt und die Funktion von Schilddrüse und der Nebennierenrinde wieder ins Gleichgewicht.

Wen soll man zur Ader lassen?

Auch für den Personenkreis, für den der Aderlass in Frage kommt, gibt es bei Hildegard genaue Vorschriften:

Bei den Frauen verhält es sich etwas anders, denn: »Das Weib aber enthält in seinem Körper viel mehr schädliche Säfte und schädliche Fäulnis wie der Mann.« Hildegard erkennt in der Frau eine seelische und auch körperliche Verfassung, die sehr viel mehr mit dem Gefühl zu tun hat und damit natürlich auch mit den negativen Gefühlen, die zu einer Ansammlung von Schlacken im Körper der Frau führen. Deshalb sollte man die Frau bis zu ihrem 100. Lebensjahr zur Ader lassen. Die entnommene Menge stimmt aber mit der bei den Männern überein.

Während beim Volumenaderlass der Schulmedizin oder Naturheilkunde ca. 500ml Blut entnommen werden, wie auch beim Blutspenden, ist die Menge des entnommenen Blutes beim Aderlass nach Hildegard streng reglementiert und begrenzt. Sie spricht von einer Menge, die bequem in den Mund eines Mannes passt. Und gibt noch einen anderen Anhaltspunkt: »Sobald die Fäulnis mit dem Blut ausgeflossen ist, kommt reines Blut heraus, und dann muß man mit der Blutentziehung aufhören.«

Das zunächst dunkle, fast schwarze Blut verändert sich im Laufe des Aderlasses in der Farbe. Es wird plötzlich heller. Es gibt einen Farbumschwung, von dem man inzwischen weiß, dass zu diesem Zeitpunkt die körpereigene Apotheke gearbeitet hat und körpereigenes Cortison ausgeschüttet hat. Dieses Cortison verwendet der Körper für alle in ihm notwendigen Reparaturvorgänge, so auch für die Heilung von Autoimmunerkrankungen.

Für wen ist der Aderlass sinnvoll?

Der Aderlass kann angewendet werden zur allgemeinen Entgiftung und zur Verbesserung des Stoffwechsels. Seine Heilkraft sollte immer genutzt werden bei Fettstoffwechselstörungen, bei Diabetes, Gicht, Rheuma und Arthritis. Auch bei allen akuten und chronischen Entzündungen. Hier ist er entzündungshemmend und schmerzbeseitigend. Frauen mit Hormonregulationsstörungen, mit keiner oder zu geringer Menstruation profitieren vom Aderlass. Auch in und vor allem nach den Wechseljahren ist er sinnvoll, da er den Organismus umfassend entgiftet. Ein klassisches Anwendungsgebiet des Aderlasses ist der Bluthochdruck. Auch wenn die Gefahr von Herz- oder Hirnschlag besteht, bei Krampfadern oder Hämorriden sollte ein Aderlass gemacht werden. Bei allen Hauterkrankungen wie Akne, Herpes, Neurodermitis und Schuppenflechte führt der Aderlass zu einer umfassenden Umstimmung des Organismus. Auch Patienten mit Kopfschmerzen, Migräne und auch psychischen Verstimmungszuständen (Depression, Angst, Unruhe) profitieren sehr vom Aderlass.

Wie soll man sich vor dem Aderlass verhalten?

Auch für die Zeit vor einem Aderlass hat Hildegard bestimmte Vorschriften aufgezeichnet: »Will also ein Mensch eine Ader zur Verminderung des Blutes anschneiden, so soll er dies nüchtern tun, denn solange der Mensch nüchtern ist, sind die ihm vorhandenen Säfte noch einigermaßen vom Blut getrennt.« Das bedeutet: vor dem Aderlass darf weder gegessen noch getrunken werden. Auch die Zähne sollte man nicht putzen, da bereits kleine Mengen Flüssigkeit über die Mundschleimhaut resorbiert werden und das Säfteverhältnis im Körper verändern.

Es gibt nur eine Ausnahme: ist jemand sehr schwach, darf er auf der Liege etwas Dinkelzwieback und Fencheltee zu sich nehmen, damit er nicht ohnmächtig wird. Auch die Menge des dann entnommenen Blutes wird nochmals reduziert, um einen geschwächten Organismus nicht zu sehr zu belasten: »Wenn einer körperlich schwach ist, soll der Aderlass soviel betragen, wie in ein Ei von gewöhnlicher Größe hineingeht.«

Auch seelisch darf man sich entsprechend auf den Aderlass vorbereiten und sich überlegen, was auch an seelischen Schlacken man mit dem Aderlass über Bord werfen möchte.

Welches ist die geeignete Vene?

In der Armbeuge erscheinen bei genauer Betrachtung drei Venen, die für einen Aderlass in Frage kommen können. Je nach Krankheitsbild wird im Einzelfall entschieden, welche der drei Venen beim Aderlass verwendet wird. Erscheint eine Vene prall gefüllt, wird auch diese häufig verwendet, denn der Körper zeigt in der Regel an, an welchem Punkt er der Entlastung bedarf.

An Indikationen sind zu nennen:

Was ist nach dem Aderlass zu beachten?

Nach dem Aderlass erhält der Patient ein Hildegardisches Frühstück in der Praxis. Dieses und die Einhaltung der Diätvorschriften über mindestens 3 Tage sind wichtig, damit der Körper möglichst entlastet wird und nicht sofort wieder Schlacken aufbaut. Die Hildegard Diät ist im Übrigen leicht umzusetzen und sehr schmackhaft (siehe unten).

Am Tage des Aderlasses sollte der Patient möglichst für Ruhe und Erholung in seinem Leben sorgen. Oft ist es gut, sich zu mindestens diesen Tag frei zu nehmen und ganz auf die Signale des Körpers zu hören. Mögliche Reaktionen nach dem Aderlass sind Euphorie auf der einen oder auch große Erschöpfung auf der anderen Seite. Besonders nach dem ersten Aderlass ist man oft erschöpft und sollte sich ausruhen.

Drei Tage lang sollte der Patient auf Fernsehen, Computer und Schifahren verzichten und bei sonnigem Wetter nur mit einer Sonnenbrille das Haus verlassen. Augen und Nervensystem sind sehr empfindlich und müssen geschont werden. Nach Hildegard gibt es auch eine Verbindung zwischen Augen und Herz, so dass übermäßige Helligkeit nach einem Aderlass einen späteren Herzschaden nach sich ziehen könnte.

Die Hildegard Diät besteht aus Dinkel in allen Variationen. Obst und Gemüse, vor allem Fenchel, Esskastanien, Möhre, Sellerie, Kürbis und Rote Bete, sollen möglichst gedünstet werden. Gut für den Aufbau des Körpers ist Hühnersuppe. An Getränken sollte es Fencheltee und Dinkelkaffee geben. Meiden sollte man alles scharf Gebratene, Wurst, Pikante und sehr fette Speisen. Auch Käse, Rohkost und Spirituosen sind zu meiden. Daneben auch die sogenannten Hildegard Küchengifte Pfirsich, Erdbeere, Pflaume, Lauch und Schweinefleisch. Diese Küchengifte sollten für immer gemieden werden.

Alle Hildegard Heilmittel aus der Pflanzenapotheke wirken am besten nach einem Aderlass.

Blutschau und Aderlassprognose

Die Hildegard Heilkunde ist die einzige Naturheilkunde, die aus der Beschaffenheit des abgenommenen Blutes eine Prognose über die Erkrankung und deren Verlauf stellt. Das Aderlassblut wird 24 Stunden beiseite gestellt und dann einer eingehenden visuellen Untersuchung unterworfen. Hildegard schreibt z.B. über einen sehr kranken Menschen: »Ein Mensch, dessen aus der Ader entleertes Blut eine trübe Färbung aufweist, so wie der Atemhauch eines Menschen ist und in dieser Verfärbung schwarze Flecken hat, ferner an seinem Rande, also rundherum, fast wie Wachs aussieht, wird bald sterben, falls Gott ihn nicht zum Leben zurückbringt.«

Doch auch andere weniger schwerwiegende Erkrankungen können aus der Blutschau diagnostiziert und prognostiziert werden. So erkennt man sehr gut Störungen des Fettstoffwechsels, allgemeine Verschlackungszustände und hormonelle Fehlregulationen. Auch ob im Körper Entzündungsvorgänge ablaufen, ob die Lymphe gestaut oder beeinträchtigt ist, kann man aus dem Blutkuchen ersehen.

 

Die Autorin bietet zweimal im Jahr – im Frühjahr und im Herbst – den Aderlass nach Hildegard von Bingen in Berlin an. Dabei wird für die Diagnose auch die Blutsenkungsgeschwindigkeit und der Spenglersan Kolloid Test zu Hilfe genommen. Außerdem wird der Morgenurin mit dem Urintest nach Anton Schwenk untersucht. So kann man zusammen mit der Blutprognose fundierte Aussagen über den Zustand der inneren Organe (Herz, Niere, Galle, Leber, Bauchspeicheldrüse, Darm) machen und die Therapie entsprechend abstimmen.

© Daniela Dumann. Alle Rechte liegen bei der Autorin.
Veröffentlicht am 26.01.2008, zuletzt geändert am 10.07.2013.

Literatur:

370655299X 394219600X 3950185720 3363030754 3832228438 3950183418

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