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Lexikon der Therapie- und Diagnoseformen

Alexandertechnik

Autor: Matthias Graefen, Griebenowstr. 10/11 (direkt am Zionskirchplatz), 10435 Berlin
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Grundzüge der Alexander-Technik

Die Alexander-Technik hat in hundert Jahren unzählige Erfahrungen gesammelt und viele Wege beschritten, von denen sich manche auch als Irrwege herausstellten. Da sie sich immer an konkrete Menschen in individuellen Lebenssituationen richtet, ist ihre Anwendung nicht exakt festgelegt und vorgeschrieben, sondern immer situationsgemäß. Dadurch unterscheidet sie sich auch von reinen Leibesübungsprogrammen, standardisierter »Körperarbeit« und anderen »Techniken« der Körperertüchtigung. F.M. Alexander hat sich selbst als »educator« verstanden, als Erzieher, der sich an den ganzen Menschen wendet und seine Aufgabe darin sieht, einen bereits im Gang befindlichen biografischen Prozess – dem Leben – eine günstigere Richtung zu geben. Die Alexander-Technik versucht, die bislang unausgeschöpften Potentiale eines Menschen zu erwecken. So wenig sie dabei mechanisch vorgehen kann, so wenig verfährt sie willkürlich. Ihr Erfolg hängt wesentlich ab von der Anwendung der von Alexander entdeckten und immer wieder erprobten Prinzipien, die dem individuellen Lernprozess Struktur und Richtung geben:

1. Selbstwahrnehmung – was mache ich falsch?

Meistens sind es lokale Schmerzen oder Funktionsstörungen, die uns auf komplexere Fehlentwicklungen hinweisen. Mit der Alexander-Technik lernen wir, diesen nachzuzuspüren und Zusammenhänge wahrzunehmen, die uns vorher nicht bewusst waren. Wir lernen, wie wir gehen, stehen oder sitzen. Wir erfahren mehr über die Art und Weise unserer Bewegungen und vor allem: welche unnötigen oder sogar schädlichen Angewohnheiten unser Körperverhalten bestimmen.
Das Körperbewusstsein erwacht schrittweise. Die Wahrnehmungsschulung unter der Anleitung des Lehrers hat es immer wieder mit hartnäckigen Sinnestäuschungen zu tun, die sich im Laufe eines intensiven Lernprozesses auflösen.

2. Entwöhnung – was lasse ich weg?

Viele Bewegungsmuster, die wir für »ganz normal« halten, Haltungen, die man uns als »richtig« beigebracht hat, Körperreaktionen, die wir von anderen übernommen haben, erweisen sich bei genauerem Nachspüren als Ursache von folgenreichen Verspannungen und Verkrampfungen. Was tun? Erst mal nichts, sagt der Alexanderlehrer. Der natürliche Instinkt, das Problem sofort »abstellen« zu wollen, macht die Sache meist noch schlimmer. Um das Verspannnungsmuster zu lösen, ist Innehalten hilfreicher als Aktivismus. Wir müssen lernen, unsere automatisierten Reaktionen anzuhalten, um unwillkürliche Verkrampfungen und das häufige »Sich-Zusammenziehen« zu verhindern. Der Lehrer sucht mit dem Schüler danach, das »Falsche« wegzulassen, wodurch sich das Richtige von selbst zeigen kann.

3. Neuausrichtung – wo gehe ich hin?

Je mehr sich das Körperbewusstsein des Schülers entwickelt, desto besser kann er seine Aufmerksamkeit lenken. Mit verbalen und manuellen Impulsen regt der Lehrer zentrale Stellen, den Hals, Kopf und Rücken an, in das gewünschte Verhältnis miteinander zu kommen. Der gesamte Organismus wird neu »informiert«, damit er schrittweise in die richtige Richtung gehen kann. Mit Direktiven wie »der Kopf zeigt nach vorne und oben«, »den Hals frei sein lassen«, »den Rücken lang und breit sein lassen«, wird der gewünschte Bewegungsablauf ins Bewußstsein vertieft. Unvertraute Sinneserfahungen, die die Gewohnheit als »falsch« ablehnt, werden nach und nach als angenehm und günstig erfahren. Das Ergebnis: unsere Bewegungen werden ausgewogener und natürlicher. Das Leben kommt wieder zu sich selbst.

Alexander-Technik: Wem sie hilft

Der Weg zum Gleichgewicht

Die Alexander-Technik richtet sich nicht an bestimmte Personengruppen. Sie hilft jedem, der bereit ist, sich auf eine neue Körper- und Selbst-Erfahrung einzulassen und offenkundigen Fehlentwicklungen entgegenzusteuern. Häufig sind es Schmerzen, Müdigkeit, Unlust und Verspannungen, die uns anzeigen, dass etwas mit uns nicht »stimmt«. Die »schlechte Haltung«, auf die mich jemand anspricht, kann ein Indikator dafür sein, dass die »Gesamtabstimmung« des Organismus aus dem Gleichgewicht geraten ist. Das ist für sich genommen nicht dramatisch. Das Zusammenspiel der mechanischen und mentalen Kräfte ist so komplex, dass Fehlsteuerungen bis zu einem gewissen Grade natürlich sind. Gemessen an der Definition der »Weltgesundheitsorganisation« können nur die wenigsten von sich behaupten, sie seien gesund – nämlich im »Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens.« Denn unser menschlicher »Zustand« ist nie stabil. Unser Zustand ist vielmehr die Bewegung: Wir wachsen, wir entwickeln uns, wir durchlaufen Prozesse, Umbrüche und Krisen, wir reifen an Krankheiten, wir schwanken in unserem Befinden, wir sind immer auf der Suche nach einem besseren Gleichgewicht, einer größeren Harmonie.

Auf dem Weg zu dem eigenen Gleichgewicht gibt es Angewohnheiten, die uns sehr schädigen können und unsere Gesamtentwicklung behindern. Jeder Mensch hat im Innern ein Gespür für das, was ihm gut tut und was ihm nicht gut tut. Doch auch dieses Gespür kann nachlassen und ganz verloren gehen. Und erst dauerhafte Schmerzen oder der Ausfall ganzer Körperfunktionen zwingen uns dann zu einer bewussteren Auseinandersetzung mir unserem Körper. Die Alexander-Technik setzt dort ein, wo Fehlentwicklungen offenkundig sind. Sie arbeitet zugleich vorbeugend gegen die Macht schleichender Gewohnheiten und vorprogrammierter Störungen. Wo wir gehen und stehen, wie wir sitzen und ruhen, welche Bewegung auch immer wir ausführen – der Aufwand, den wir für unsere menschlichen Aktivitäten betreiben, ist fast immer unangemessen. Deshalb sucht der erfahrene Alexander-Lehrer seinen Schüler für seinen eigenen Körper zu sensibilisieren. Er selbst muss herausfinden, wo und wie er sich im Weg steht. Der Lehrer hilft ihm bei der Erkundung von Fehlentwicklungen und weist die Richtung zu seiner individuellen »Balancierung«.

Alexander hat eine Vielzahl von Beschwerden, Störungen und Krankheiten aufgeführt, bei der seine Technik besondere Hilfe leistet. Störungen des Bewegungsapparates, Muskelverspanungen und -verhärtungen, Rückenschmerzen, Haltungsprobleme, aber auch organische Funktionsstörungen, Schlaganfälle, Angina-Pectoris, Stottern, Süchte, nervöse Leiden und Ticks hat er selbst erfolgreich behandelt. Zentrales Augenmerk des Alexanderlehrers ist dabei immer wieder das Zusammenspiel von Kopf, Hals und Rücken. Hier manifestieren sich fast alle Fehlentwicklungen. Und hier beginnt in den meisten Fällen das Umlernen zu einem natürlicheren, weniger verspannten und verkrampftem »Im-Körper-sein«.

Menschen, die ihren Körper in besonderer Weise oder auch einseitig beanspruchen (z.B. Musiker, Tänzer, Schauspieler, aber auch der moderne »PC-Mensch«) können in besonderer Weise von der Alexander-Technik profitieren. Die Spezialisierung vieler Berufe bringt unsere natürlichen Bewegungsabläufe durcheinander. Wir kommen aus dem Gleichgewicht. Die ungeheure Beschleunigung des Lebens in der modernen Zivilisation führt in eine zunehmende physische und psychische Unordnung des menschlichen Daseins. Schon vor 70 Jahren hat Alexander diese Diagnose erstellt. Er verband sie mit mit der Überzeugung, dass unter den Anforderungen des heutigen Alltags ein instinktives Reagieren (wie es Tieren zu eigen ist) nicht mehr genügt. Nur wenn es uns gelingt, unsere Sinne, die immer anfälliger werden für Überreizung und Täuschung, zu bewußtem Erleben zu schulen, wenn wir die Kontrolle gewinnen über die Grundmechanismen unseres Organismus, so dass wir Fehlentwickungen rechtzeitig erkennen und entgegensteuern können – wenn wir also wieder Ordnung schaffen in unserem eigenen Zuhause, können wir uns dauerhaft in jenes Gleichgewicht bringen, das wir für unser Weitergehen brauchen.

Professor Niko Tinbergen, 1973 in seiner Rede zur Annahme des Nobelpreises für Medizin:

»Die Alexander-Technik basiert auf einer außergewöhnlich hochentwickelten Beobachtung, und zwar nicht nur mittels der Augen, sondern in überraschend hohem Umfang durch Einsetzen des Tastsinnes. Aber wir stellten schon bald mit wachsendem Erstaunen sehr deutliche Verbesserungen in so verschiedenen Bereichen fest wie hoher Blutdruck, Atmung, tiefer Schlaf, allgemeine Freude und geistige Wachheit, Widerstandsvermögen gegenüber Druck von Außen und ebenso in einer verfeinerten Fähigkeit ein Saiteninstrument zu spielen.«

© Matthias Graefen. Alle Rechte liegen beim Autor.
Veröffentlicht am 20.09.2006, zuletzt geändert am 16.02.2011.

Literatur:

3456849621 3131496916 389767615X 3861274353 3938422009 3861275309 3790508578 3764924438 3805571704

Weitere Informationen im Internet:
Fachverbände: Alexandertechnik
Therapieformen: Alexandertechnik
Fachausbildungen: Alexandertechnik

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