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Lexikon der Therapie- und Diagnoseformen

Tiefenentspannung

Autorin: Amrei Spalek, Kauzwinkel 7, 38108 Braunschweig
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Foto: Ton Araujo, Sao Paulo

Tiefenentspannung ist kein fest definierter Begriff. Fast jeder versteht etwas anderes darunter. An dieser Stelle möchte ich darstellen, was ich darunter verstehe, vor allem aber, wie ich die Tiefenentspannung anwende, ihre Wirkweise und Einsatzmöglichkeiten, eine kurze Darstellung darüber, was dabei im Gehirn passiert, sowie den Verlauf des Settings.

Meine Definition der Tiefenentspannung

Tiefenentspannung ist der Hypnose verwandt, unterscheidet sich aber von dieser durch die Tiefe der Bewusstseinsebene. Im Gegensatz zur Tiefenentspannung ist in der tiefen Hypnose das Bewusstsein weitgehend ausgeschaltet, was den Menschen empfänglich macht für Suggestionen. – So tief gehe ich bei der Tiefenentspannung nicht, und ich arbeite auch nicht mit Suggestionen. – Die Tiefenentspannung findet statt auf einer leicht eingeschränkten Bewusstseinsebene, in der das Bewusstsein und die Kritikfähigkeit jederzeit gegenwärtig bleiben, in der der Klient Wünsche und Einwände äußern kann, und aus der er jederzeit, wenn er es möchte, selbst heraustreten kann. Er kann sich nach der Sitzung an alles, was geschehen ist, klar erinnern.

Dieser Zustand entspricht einem Phänomen, das jeder kennt und das er ähnlich jederzeit selbst herbeiführen kann: Wenn wir z.B. ganz vertieft sind in die Lektüre eines spannenden Romans, leben wir jetzt in diesem Augenblick vollkommen in dem Geschehen des Romans und spüren in uns die korrespondierenden Emotionen. Wir vergessen Zeit und Raum um uns herum, weil unsere ganze Aufmerksamkeit auf diesen einen Gegenstand gerichtet ist.

Wirkweise der Tiefenentspannung

Etwas ganz Ähnliches geschieht in der Tiefenentspannung. Im tief entspannten Zustand richtet sich die ganze Aufmerksamkeit des Klienten (alles Folgende gilt für Männer und Frauen!) auf das eigene innerseelische Geschehen. Er erlebt erneut Situationen aus seiner Vergangenheit, die sich in Bildern und Szenen zeigen. Er ist der Akteur in seinem eigenen Film. Damit taucht der Klient jetzt in diesem Moment emotional vollkommen ein in das Geschehen, das als subjektive Gegenwart erlebt wird. Dabei ist es völlig gleichgültig, wie lange das Geschehen tatsächlich zurückliegt, denn im Zustand der tiefen Entspannung gibt es kein Zeitempfinden. Der Klient schildert mit klaren Worten, was er sieht, was er tut und wie er sich fühlt.  Da ist er z.B. jetzt in diesem Moment das hilflose, traurige, kleine 2- jährige Kind, das ein paar Wochen einsam im Krankenhaus liegen muss, Schmerzen hat und nicht verstehen kann, was mit ihm geschieht.

Im erneuten Erleben liegt die Chance, sich jetzt aus dieser Situation zu befreien, in der man sich damals als hilflos erlebt hatte, jetzt Versäumtes nachzuholen, jetzt noch einmal zu trauern oder Wut zu empfinden, sich jetzt zu versöhnen. Oder – um im obigen Beispiel zu bleiben: Sich jetzt die Mama herbei zu holen und in ihrem  Arm Schutz und Trost zu finden, und alles ist wieder gut.

Auf diese Weise hat der Klient die Möglichkeit, sich jetzt von seelischem Ballast zu befreien. In dem Maße, wie ihm das gelingt, verschwindet die treibende Kraft, die ihn immer wieder zu seinen heute unerwünschten Reaktionen und Verhaltensweisen getrieben hatte. Und im gleichen Maße, wie das geschieht, werden sie überflüssig. So kann er sein Leben und seine Beziehungen ganz anders, ganz frei, ganz neu gestalten.

Diese Veränderungen sind keine Wunschvorstellungen. In den Strukturen des Gehirns werden sie nachweisbar zur Realität.

Was passiert im Gehirn während der Tiefenentspannung?

Unser Gehirn ist die Schaltstelle, in der sämtliche Aktivitäten gesteuert und verarbeitet werden. In verschiedenen Bereichen werden sämtliche für uns relevanten Eindrücke aufbewahrt. Dabei geht es keineswegs nur um unser Gedächtnis, in dem unser Wissen und unsere Erinnerungen gespeichert sind. Wir verfügen – unter anderem – auch über ein emotionales Gedächtnis. Alle neu eintreffenden Signale und Informationen werden verglichen und bewertet mit bereits früher gemachten Erfahrungen: angenehm, neutral, ungefährlich oder gefährlich. Entsprechend fällt unsere jeweilige spontane Reaktion aus: Unbelastet oder belastet.

Diese Vorgänge entziehen sich unserem Bewusstsein vollkommen (Freud sprach vom Unterbewusstsein). Daher sind sie auch nicht mit unserem Willen zu steuern. Fehlreaktionen und -verhalten, die ihre Ursachen in früheren negativen Erfahrungen haben, sind also nicht willentlich abzustellen.

In der Tiefenentspannung wird die Schranke zum Unterbewusstsein überwunden: Ereignisse aus der Vergangenheit werden wieder gegenwärtig und damit einer Verarbeitung zugänglich: Die tieferen Schichten unseres Gehirns unterscheiden nicht zwischen objektiver und subjektiver Realität, auch nicht zwischen Vergangenheit und Gegenwart. So findet das neuerliche – und nun positiv veränderbare – Erleben in der Tiefenentspannung in Jetztzeit und als subjektive Realität statt. Dadurch werden neue neuronale Verknüpfungen in unserem Gehirn installiert. Das hat erheblichen Einfluss auf das aktuelle Leben: Unsicherheit, Ängste und sonstige Fehlreaktionen sind überflüssig geworden.

Natürlich weiß der Klient ebenso wie ich: Ereignisse, die in der Vergangenheit real stattgefunden haben, werden durch das Geschehen in der Tiefenentspannung nicht ungeschehen gemacht. Aber ihr Einfluss auf das gegenwärtige Leben hat keine Bedeutung mehr.

Das Setting bei der Tiefenentspannung

In jeder Sitzung gibt es ein Vor- und ein Nachgespräch, was für die Vertrauensbildung wichtig ist. -

Ich führe den Klienten zunächst in eine wohlige Entspannung hinein, in der er sich geborgen und entspannt fühlt. Das geht sowohl im Liegen wie auch im Sitzen. Das weitere Geschehen in der Tiefenentspannung kann allerdings recht anstrengend sein für den Klienten. Dabei passe ich sehr gut auf, dass er nicht in Angst erregenden Zuständen verharrt. Er kann sich jederzeit auf seiner ganz persönlichen »Insel« erholen und gibt vor, wann er wieder bereit ist, weiter zu gehen. Er selbst bestimmt nicht nur die Themen und das Tempo, sondern auch die Dauer einer Sitzung. Es ist wichtig, dass er – ebenso wie ich – genügend Zeit mitbringt, denn jede Sitzung soll mit einem positiven Ergebnis zu Ende gehen. Eben so sanft wie ich ihn in die Tiefenentspannung geführt habe, führe ich ihn auch wieder zurück ins Hier und Jetzt. Und nach der Sitzung soll er sich richtig gut fühlen. Jede einzelne Sitzung soll ihn ein Stück weiter gebracht haben.

Einsatzmöglichkeiten der Tiefenentspannung

Die Tiefenentspannung ist fast für jede Art von Problemen hilfreich. Mangelndes Selbstwertgefühl, Unsicherheit, Beziehungsprobleme, Ängste, Vergangenheitsbewältigung, Gewalt- und Mißbrauchserfahrungen. Aber auch bei körperlichen (psychosomatischen) Symptomen, bei denen Ärzte keine körperlichen Ursachen feststellen konnten.

Die Tiefenentspannung ist nicht geeignet bei manifesten körperlichen und/oder psychischen Erkrankungen.

© Amrei Spalek. Alle Rechte liegen bei der Autorin.
Veröffentlicht am 23.08.2010, zuletzt geändert am 26.02.2011.

Literatur:

3864100011 3981364589 3940922048 3933569168 3896706713 3491401321

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